Defamation – der Film

“Defamation” ist eine Dokumentation aus dem Jahr 2010. Der jüdische Regisseur Yoav Shamir geht dabei der Frage nach, was Antisemitismus eigentlich ist. Darüber hinaus fragt die Reportage aber auch nach, ob es den Antisemitismus in der Form, wie er von entsprechenden jüdischen Organisationen, aber teilweise auch von der israelischen Regierung und freien Medien zelebriert wird, tatsächlich existiert oder nicht.

Gibt es Antisemitismus und ist das überhaupt die Frage?

Man muss diesen Film außerhalb des Blickwinkels eines “Deutschen” mit beschämender Vergangenheit betrachten, so viel steht auf jeden Fall fest. Denn ins deutsche Kollektiv hat sich längst eingebrannt, dass wie alle schuld sind – auch wenn wir viel später geboren wurden. Das bedeutet, wir können nicht mit der Neutralität und Objektivität an die Dokumentation herangehen, wie wir es eigentlich sollten. Doch ein Israeli wie Shamir kann das. Interessanterweise führt ihn sein Film zunächst in die Vereinigten Staaten, wo er auf den Leiter der “Anti Defamation League”, Abraham Foxman, trifft. Der kann ihm natürlich aus dem Stand heraus entsprechende Situationen aufzeigen, in denen antisemitische Handlungen eine tragende Rolle spielen. Nun gebietet es die deutsche Vergangenheit, die sich in diesen vermeintlich antisemitischen Handlungen widerspiegelnden Banalitäten als solche nicht zu entlarven. Denn schon an dieser Stelle wird ein Dogma ersichtlich, das über allem prangt: eigentlich können auch nicht-deutsche Nicht-Juden kein Urteil abgeben, denn sofort wird jede Kritik eben mit der antisemitischen Keule im Keim erstickt.

Alle Seiten driften ins Extrem ab

Dem entzieht sich der größte Gegenspieler Abrahams, seines Zeichens selbst Jude: Norman Finkelstein. Der hatte schon vor einigen Jahren ein Buch veröffentlicht, das eben kritisiert, dass der vermeintliche Antisemitismus in der westlichen Welt am Leben gehalten wird, wie es uns immer wieder eingetrichtert wird. Doch Finkelstein gibt klar zu erkennen, dass dieser Antisemitismus inzwischen eher als Werkzeug genutzt wird, Kritiken mundtot zu machen. Verdeutlicht wird das auch dadurch, dass der Regisseur eine Gruppe junger Israelis begleitet, die in Europa KZ-Gedenkstätten besucht und eben auf dem Weg nach Auschwitz sind. Selbst ein Sicherheitsmann muss dabei sein, um das Vorhandensein eines vermeintlichen Antisemitismus in der westlichen Welt zu untermauern. Insgesamt ist bei der Dokumentation zu erkennen, dass es dem Regisseur überhaupt nicht darum geht, Antisemitismus zu finden. Den könnte er sicherlich in der arabischen Welt sofort finden. Und gewiss gibt es auch heute noch einige Unverbesserliche, die die krankhaften Ideologien der Nazis gutheißen mögen.

Eine unbedingt sehenswerte israelische Dokumentation

Doch der Film zeigt ebenso, dass das Gros der westlichen Gesellschaft nicht mehr willens ist, Antisemitismus aufkeimen zu lassen. Allerdings bedeutet das aber nicht, dass gerade wir Deutsche unsere Vergangenheit als abgehakt betrachten sollten. Schuld auf die Nachkriegsgenerationen zu laden, wäre ebenfalls falsch, allerdings muss in Erinnerung gehalten werden, wozu Menschen in der Lage sind. Denn so etwas kann sich auf der gesamten Welt immer wieder wiederholen. Keinesfalls darf vergessen werden, dass Millionen Menschen – und nicht nur Juden – dem deutschen Terror-Regime zum Opfer fielen. Ebenso muss aber wohl auch Israel eine Balance finden, die es wieder gestattet, kritisch sein zu dürfen, ohne eben sofort mit Antisemitismus bedacht zu werden. Die Dokumentation “Defamation” ist eine gut recherchierte Dokumentation, die weder Vorwürfe hochhalten, noch wirklich mit dem Finger zeigt. Sie räumt genügend Freiraum für eine eigene Meinung ein – eben das, was in Bezug auf Kritik an Israel nicht möglich zu sein scheint.

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